Das Scheitern der Literaturmuseen. Ein unbescheidenes Ausstellungsmanifest


In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit der gesellschaftlichen Verpflichtung von musealen Kulturinstitutionen und der politischen Dimension von Szenografie. Am Beispiel von Literaturmuseen beleuchte ich institutionelle Strukturen, museale Selbstverständnisse und gesellschaftliche Konnotationen sowie die Macht und Verantwortung des Mediums Ausstellung und seiner Gestaltung.

Die Literaturmuseumslandschaft in Deutschland repräsentiert und heroisiert ein männlich und weiß dominiertes Bild der Hochliteratur als deutsches Kulturerbe. Obgleich dieses biografistisch und erinnerungskulturell geprägte Fundament mit der Frage nach der Ausstellbarkeit von Literatur seit den 1980er Jahren kritisch hinterfragt wird, verweilt der Fokus der heutigen Diskussionen weiterhin auf der Suche nach innovativen Ausstellungsmethoden, während das Fundament des Literaturmuseumswesens (94% der personenbezogenen, literarmusealen Gedenkstätten sind auch heute noch cis-männlichen Schriftstellern gewidmet) unangetastet fortbesteht. Das bedeutet, dass die Auseinandersetzungen, die versuchen, die literarmuseale Arbeit vermehrt auf Literatur und weniger auf ihre Erschaffer:innen zu konzentrieren, in bestehenbleibenden Strukturen stattfinden, sodass keine Transformation, sondern lediglich modernisierte Variationen des „immer Gleichen“ (Tyradellis 2014: 229) entstehen. Durch die eindimensionale Debatte wird folglich verhindert, dass hegemoniale, hierarchische, patriarchalische, heteronormative und eurozentrische Strukturen hinterfragt und dekonstruiert werden.

Museen bleiben auf diese Weise in ihren traditionellen Konnotationen und Systemen verankert und werden weiterhin als neutrale, geschichtsträchtige Orte wahrgenommen, deren Verantwortung in der Bewahrung kulturellen Erbes und in der Ausführung eines Bildungsauftrages verortet wird. Gerade aber gesellschaftliche Institutionen müssen „in die Pflicht genommen werden“, wie die Journalistin Alice Hasters betont (2021), und sich aktiv an der „Bekämpfung von Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ beteiligen. Als öffentliche Kulturinstitutionen im Dienst der Gesellschaft haben sie folglich eine Verpflichtung, sich intersektional für Antidiskriminierung, Gleichberechtigung und Diversität zu positionieren.

Vor diesem Hintergrund gilt es, die Definition und Funktion von Museen und Ausstellungen zu hinterfragen und neu zu verhandeln. Das Medium Ausstellung und seine Gestaltung müssen in diesem Zuge als ausschlaggebende Faktoren erkannt werden, die die gesellschaftliche Verpflichtung von Museen in allen Bereichen strukturell und dauerhaft umsetzen können. Szenografie und Ausstellungsdesign bestimmen und ermöglichen dabei die Entfaltung von Ausstellungen als genuine Ausdrucksmedien, die kritisch, unabhängig, anti-definiert, politisch und künstlerisch agieren, und offenbaren dadurch die eigene politische Dimension in ihrem gestalterischen Topos.

Am Ende der Arbeit steht ein Manifest für gute Literaturausstellungen. Es wird in sprachlicher Anlehnung an "Ein bescheidenes Museumsmanifest" des Schriftstellers Orhan Pamuk (2012) als "Ein unbescheidenes Ausstellungsmanifest" vorgestellt, um den radikalen Bruch mit bisherigen Museumsdefinitionen und tradierten, musealen Aufgaben zu betonen und (Literatur)Museen als politisches Ausdrucksmedium zu denken.

Im Januar 2022 habe ich meine Dissertation verteidigt und mit einer Gesamtnote von 1,2 (magna cum laude) abgeschlossen.


Meine Doktorarbeit besteht aus drei Heften, hier in fünf Exemplaren zur Abgabe an der HFBK.
Meine Doktorarbeit besteht aus drei Heften, hier in fünf Exemplaren zur Abgabe an der HFBK.